Nachruf auf Heinz W. Friese

Dr. Heinz W. Friese

*28. Februar 1930  †11. Juli 2012

Ein Nachruf von Dieter Richter

Auf Heinz W. Friese, den ich durch 40 Jahre gekannt und geschätzt habe: als engagierten Staatsbürger, als hoch motivierten und kompetenten Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Schulgeographen (VDSG), und als Mensch, halte ich diesen Nachruf.

Für die Aufgaben und Zwecke des VDSG war Heinz Friese nahezu die Hälfte der Zeit des Bestehens unseres Verbandes ehrenamtlich in und für ihn tätig. Er leistete Ehrenarbeit im Dienste der Gesellschaft mit Sachverstand. Er hat in schwieriger bildungspolitischer Zeit 1978 bis 1990 den VDSG geführt.

Heinz Friese stellte seine wissenschaftliche, didaktische und politische Kompetenz in den Dienst der Gemeinschaft, als 2. und 1. Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen sowie als 2. Vorsitzender des Zentralverbandes der Deutschen Geographen, an dessen Gründung er maßgebend beteiligt war. Gern hätte der Ehrenvorsitzende des VDSG Oberstudiendirektor a. D. Dr. Heinz W. Friese das hundertjährige Bestehen seines Verbandes im September 2012 mitgefeiert, die gemeinsame Reise nach Gotha war geplant.

Heinz W. Friese ist Träger des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Aufgrund seiner Verdienste um die Schulgeographie und geographisch-politische Bildung wurde Heinz Friese 1998 geehrt mit der Julius-Wagner-Medaille, der höchsten Auszeichnung des VDSG, in Anerkennung seiner besonderen Verdienste um die Förderung geographischen Unterrichts und die Entwicklung der Geographiedidaktik. Damit werden seine richtungweisenden Initiativen und Beiträge zur Entfaltung geographischer Bildung und Umwelterziehung sowie seine hervorragenden Leistungen als Autor fachdidaktischer Aufsätze, wesentlicher Lehrbücher und Atlanten gewürdigt. Er wirkte als Vorsitzender des VDSG in zahlreichen gesellschaftlichen Einrichtungen und Organisationen wie Ostkolleg Köln, Bundeszentrale für politische Bildung, Gewerkschaft Wissenschaft und Erziehung, Deutscher Philologenverband. Unter seinem Vorsitz fanden mit großem Erfolg Schulgeographentage in Augsburg, Bremen, Basel-Lörrach, Trier, Braunschweig, Salzburg, Kiel statt.

Heinz W. Friese setzte sich mit Nachdruck dafür ein, dass die Geographie in der Schule sich nicht in modischen Strömungen verlieren und sich auf ihren ganzheitlichen Bildungsauftrag konzentrieren möge.  Dazu bedürfe es, nach seinem abgewogenen Urteil, des kompetenten Fachlehrers, also der Mithilfe der Fachwissenschaft, insbesondere „einer realitätsbezogenen und verantwortungsbewussten Fachdidaktik“. Ja, er hielt nicht viel von einer allzu akademischen Didaktik der 1970er Jahre. Hierin war er konservativ: Bewährtes nicht leichtfertig aufgeben und behutsam fortentwickeln war seine Devise. Also war er durchaus offen für Neues, soweit es dem erfahrenen Schulpraktiker und schlauen Politiker durchsetzbar erschien. Er wollte nicht alles, was vorher gemacht  wurde, für altbacken und falsch halten.

Heinz W. Friese befasste sich mit „Didaktik im Rahmen des Hochschulstudiums“, schlug jedoch das Angebot zu einer Professur in Gießen  zugunsten der Direktorenstelle an der Droste-Hülshoff-Schule in Berlin-Zehlendorf aus, ohne die für ihn konstitutive Verbindung von Schule und Hochschule aufzugeben. Grundsatzfragen unseres Faches, Lehrplanentwicklung und Lehrerfortbildung, Autoren- und Herausgebertätigkeit traten in den Vordergrund. In zahlreichen Abhandlungen kümmerte er sich bewahrend wie zukunftsweisend, immer vorausschauend um den Bildungsauftrag des Schulfaches Erdkunde, insbesondere auch um den Auftrag der Geographie in der politischen Bildung. Die „Situation der Erdkunde in der Sekundarstufe II“ sowie „Grund- und Leistungskurse der gymnasialen Oberstufe“ sind Aufsatztitel, die parallel zur Tätigkeit in einschlägigen Gremien der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder und des VDSG in den 1970er Jahren erscheinen.

Richtungweisende Leistungen galten gegen Ende der 1970er und in den 1980er Jahren vor allem der deutschland- und europapolitischen Bildung. Sie erstreckten sich auf eine Folge von Tagungen im Reichstagsgebäude in Zusammenarbeit mit dem Gesamtdeutschen Institut, dem zuständigen Bundesministerium und dem Senat von Berlin sowie einer Tagungsfolge zur „Behandlung Deutschlands im Geographieunterricht“ in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Publikationen aus dieser Zeit verweisen mit den Titeln wie „Deutschland im Geographieunterricht“ oder „Zehn Thesen zur Behandlung Europas im Geographieunterricht“ auf das angesprochene Arbeitsfeld.

Unbeirrt forderte Heinz W. Friese während des „kalten Krieges“ in der deutschland- und europapolitischen Bildungsarbeit des Faches die Umsetzung der Gebote des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ein. Die Stunde des Mauerfalls nutzte er umgehend zur konstruktiven Kontaktaufnahme mit dem Fachverband der Schulgeographen in der Geographischen Gesellschaft der DDR und ihrer 1. Vorsitzenden.

Heinz W. Friese, geboren am 28. Februar 1930, begleiten in Kindheit und Jugend die Selbstzerstörung Deutschlands als Ergebnis rasendem Bürgerhasses und unversöhnlichen Klassenhasses. Er lebt in Dresden eine Kindheit im Spannungsfeld zwischen deutschem Florenz und industrialisiertem Erzgebirge: hier maßvolle Enge der barocken Stadt im Umfeld der elterlichen Wohnung mit kurzem Fußweg zum Kreuzgymnasium, dort in den Ferien bei den Großeltern die nahezu waldfreie Weite tertiärer Rumpfflächen zwischen Industriegassen in jung eingeschnittenen Kerbsohlentälern. In der großen Residenzstadt sind ihm Wettinerschloss und Hofkirche im kreativen Widerspruch zur alles überragenden Frauenkirche, zu Prager Straße, Innere Neustadt, Großer Garten, Elbewege zur Lößnitz, in die Sächsische Schweiz prägende Erfahrungsräume. Diese Bilder und kompositorischen  Kräfte verinnerlicht der Heranwachsende, sie sind ihm Maß und Form, geben Weitblick und Dignität zur Entfaltung der Persönlichkeit, zu wissenschaftlichen, didaktischen und politischen Gestaltungshorizonten.

Die Eltern wohnten bis zum Bombenterror 1945 in der Seevorstadt nahe der Prager Straße. Hier durchlitt der Fünfzehnjährige die Katastrophe so hautnah, dass er davon nicht reden wollte, nicht reden konnte. Heinz W. Friese musste mit dem Zusammenbruch der NS-Diktatur die gewaltsame Etablierung des sowjetischen Sozialismus erfahren. Not und Hunger prägten die späten 40er Jahre. Sein Fundament blieb jedoch klassische Bildung, antik, humanistisch und aufgeklärt, wie er sie am profunden Ort trotz aller Umbrüche verinnerlichen konnte. Konsequent trat er den selbsternannten, selbstgerechten Epigonen und Vollstreckern jener vier „ML-Klassiker“ entgegen. Es gab für ihn keinen anderen Weg, als es mit dem Equilibrium von Freiheit und Verantwortung, von Gemeinschaft und Individualität zu versuchen. Politisch aktiv geriet der Student der Geographie und Biologie an der Technischen Hochschule Dresden an den damaligen 1. Sekretär der Freien Deutschen Jungend (FDJ) Erich Honecker. Buchstäblich in letzter Minute  entging er durch Flucht nach West-Berlin dem Zugriff des SED-Staates.

In Berlin setzte Heinz W. Friese das Studium der Geographie und nun der Geschichte an der Freien Universität fort. Er promovierte bei Walter Behrmann. Nach dem Zweiten Staatsexamen unterrichtete Friese bis zu seiner Ernennung zum Fachseminarleiter am Studienseminar. Zahlreiche Referendare konnten von seinen umfassenden Kenntnissen und seinem methodischen Geschick profitieren. Sein Beruf war für ihn Berufung, wobei es ihm gleichermaßen darauf ankam zu fördern, aber auch zu fordern, Kräfte und Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen bei allen, deren Ausbildung ihm anvertraut war. Dass mancher mit den Anforderungen seine liebe Not hatte, konnte nicht ausbleiben. Bis zu seiner Berufung zum Direktor der Droste-Hülshoff-Schule (Gymnasium) in Berlin-Zehlendorf nahm Friese nebentätig in den 1980er Jahren am Geographischen Institut der FU einen Lehrauftrag zur Didaktik der Geographie war.

Doch da war noch ein anderes, das sein Leben begleitete: seine Leidenschaft mit der Familie die weite Welt zu erkunden, vom anderen Wohnsitz in Bad Sachsa aus durch den Oberharz zu wandern, und, gemeinsam mit seiner Frau, die Begeisterung für die schönen Künste. Noch zur Zeit der Teilung gelang ihm der Besuch der Staatsoper Unter den Linden im Sowjetischen Sektor. Danach war das Ehepaar Friese „Förderer der Staatsoper“. Sie schätzten Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle hoch. Gern erinnern sich meine Frau und unsere Kinder mit mir an wunderbare Unternehmungen mit Frieses, ob in Berlin, Speyer, Sachsen, Bayern oder anderswo.

Unsere Freundschaft bewährte sich auch dann, als – begleitet vom unerwarteten Tod seiner Frau und von manchen gesundheitlichen Beschwernissen – das Alter Dr. Frieses Lebenskreise und seine Kontakte zu anderen mehr und mehr einzuschränken begann. Umso wichtiger war es führ ihn, seine Kinder und Enkelkinder an seiner Seite zu wissen.

Früh verinnerlichte Heinz W. Friese: Pluralismus als Gegenteil von Ideologie ist kein Heil- oder Erlösungsversprechen, sondern in der offenen Gesellschaft die staatlich erlaubte und garantierte Haltung, das zu denken, zu äußern und zu tun, was man für richtig hält, sofern es nicht der Idee des Pluralismus widerspricht. Er hatte Grundsätze, sie waren ihm Verpflichtung, sein Vermächtnis: Hingabe und Ehrfurcht.

Heinz W. Friese bleibt uns in dankbarer Erinnerung – als Freund und Lehrer.

Berlin, im Juli 2012

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